Der Berchtesgadener Anzeiger berichtete am 17. Juni 2015:

Gebrauchte Kleidung, die gebraucht wird

  • Kleiderkammer der Berchtesgadener Tafel

Die »Kleiderkammer« der Berchtesgadener Tafel – Drei Frauen kümmern sich um die Einrichtung

Berchtesgaden − Die Berchtesgadener Tafel verteilt nicht nur jeden Samstag Lebensmittel an Bedürftige, sondern unterhält auch eine Kleiderkammer. Gebrauchte, aber gute Kleidung wird gegen einen geringen Obolus weitergegeben. Drei Damen kümmern sich rührend um diese Einrichtung.

»Die Strümpfe und Miederwaren sind noch original verpackt, manchmal ist sogar noch das Preisschild daran«, sagt ein Ehepaar und bringt drei Kartons voller Kleidung, die aus dem Haushalt einer Verstorbenen stammen. Zwar ist die Preisauszeichnung noch in D-Mark, aber der guten Qualität tut das keinen Abbruch.

Sofort beginnen Karin Wust und Theres Buchholzer, die Kleidungsstücke zu sortieren. Normalerweise hilft auch Erika Huber, die heute nur verhindert ist. Denn zu dritt betreuen sie die Kleiderkammer der Berchtesgadener Tafel in der Ludwig-Ganghofer-Straße 20 1/4 mit unglaublichem Einsatz. Ständig kommen die Kleidungsstücke, teilweise säckeweise, herein. »Das Leder an der Handtasche ist unten etwas abgerieben«, entschuldigt sich eine Spenderin. »Das macht doch gar nichts«, beschwichtigt sie Karin Wust. »Die ist morgen sicher gleich weg, so schön, wie die ist.«

Alle sauberen und ordentlichen Kleidungsstücke werden angenommen. Idealerweise zur Jahreszeit passend. »Wenn wir jetzt Wintersachen hereinbekommen, geben wir die sofort weiter an jemanden, der alle Sachen, die wir nicht gebrauchen können, abholt.« Denn über Lagerraum verfügt die Kleiderkammer nicht. An den Wänden stehen Holzregale, in denen die sauber gefalteten Kleidungsstücke liegen. Nach Damen, Herren und Kindern sortiert. »Früher haben wir sie auch noch nach Größen geordnet, aber das haben wir aufgegeben. Denn am Donnerstag, wenn Ausgabe ist, geht es hier richtig zu«, erklärt Wust. Da wird sowieso alles herausgerissen und begutachtet. »Zurzeit sind es hauptsächlich Flüchtlinge, darum gehen Trachten überhaupt nicht. Bunte Sachen hingegen mögen vor allem die Afrikaner.« Wust bückt sich, öffnet einen Sack mit Kleidung und beginnt, ihn durchzusehen. Ein Abendkleid von »Creation Monique« in Schwarz und eine violett schimmernde Jacke kommen hervor. Etwas unschlüssig holt sie sich von Theres Buchholzer Rat. »Die behalten wir«, bestimmt diese.

Und tatsächlich kommt kurz darauf Eduard Landes, der Vorsitzende der Berchtesgadener Tafel mit zwei Tafelgästen, denen er die Kleiderkammer zeigt. Das Paar will nächste Woche heiraten und freut sich über die schicke Jacke. Ein schwarzer Rock findet sich auch, ebenso ein weißes Hemd für den angehenden Bräutigam. Beide sind glücklich, ihren Festtag, auch wenn das Geld mehr als knapp ist, angemessen gekleidet begehen zu können.

»Können Sie auch einen Kindersitz gebrauchen?«, fragt eine junge Frau. »Natürlich«, antwortet Wust. »Auch wenn wir Kleiderkammer heißen, geben wir auch Geschirr, Decken, Schuhe und Koffer weiter«, erklärt sie. Mit flinken Händen falten die Damen die Kleidungsstücke und räumen sie ordentlich ein, unermüdlich und mit großem Engagement. »Es ist enorm, was die Damen leisten«, sagt eine Spenderin, die regelmäßig kommt. »Eine ganz tolle Leistung.«

Am Tag darauf ist die Kleiderausgabe. Dann wird der kleine Raum regelrecht gestürmt. »Selbst unser Radio wollte man uns schon mitnehmen«, erinnert sich Karin Wust. Nur über eines würden sich die drei Damen einmal freuen, bemerkt Theres Buchholzer. »Wir hören kein Dankeschön und kein Auf Wiedersehen.« Doch Armut und Bedürftigkeit können auch sprachlos machen. Darum sei dies an dieser Stelle im Namen aller, die von der Arbeit der Kleiderkammer profitieren, nachgeholt.

Wer Kleidung spenden möchte oder selber bedürftig ist, kann die Termine für Annahme und Ausgabe am Anschlag an der Tür in der Ludwig-Ganghofer-Straße oder im »Berchtesgadener Anzeiger«  (oder aber auf der Homepage) lesen.

Christoph Merker